Die Messsucherkamera
Jean Auguste Morisot • 9. Februar 2026
Die Geschichte der Messsucherkameras – Präzision, Geschwindigkeit und fotografische Kultur
Messsucherkameras gehören zu den einflussreichsten Werkzeugen der Fotografie. Sie stehen für diskretes Arbeiten, hohe Bildqualität und eine ganz besondere Art des Fotografierens. Obwohl sie heute eine Nische besetzen, haben sie die Entwicklung der Kleinbildfotografie maßgeblich geprägt. Dieser Beitrag zeichnet die Geschichte der Messsucherkameras von ihren Anfängen bis in die Gegenwart nach.
Die Anfänge: Entfernungsschätzung und optische Sucher (1900–1920)
In den frühen Jahren der Fotografie war das präzise Fokussieren eine Herausforderung. Fotografen mussten Entfernungen schätzen oder auf Mattscheiben fokussieren – ein langsamer und umständlicher Prozess.
Die Lösung kam mit dem optischen Entfernungsmesser (Rangefinder). Dieses System arbeitete mit zwei getrennten Sucherbildern, die durch Drehen des Fokusrings zur Deckung gebracht wurden. Sobald beide Bilder übereinander lagen, war das Motiv scharf gestellt.
Diese Technik machte Kameras:
-schneller
-präziser
-kompakter
Damit war der Grundstein für die moderne Reportagefotografie gelegt.
Der Durchbruch: Leica und das Kleinbildformat (1920–1930)
Der eigentliche Siegeszug der Messsucherkamera begann 1925 mit der Leica I, entwickelt von Oskar Barnack bei Ernst Leitz. Sie nutzte 35-mm-Kinofilm und machte Fotografie erstmals wirklich mobil.
Wichtige Meilensteine:
-Leica II (1932): integrierter Entfernungsmesser
-Contax (Zeiss Ikon, 1932): technische Konkurrenz mit innovativem Bajonett und Metallverschluss
Diese Kameras waren klein, leise und robust – ideal für Reportage, Straßenfotografie und Kriegsberichterstattung.
Goldene Ära der Messsucher (1930–1960)
Zwischen den 1930er- und frühen 1960er-Jahren dominierten Messsucherkameras die professionelle Fotografie.
Berühmte Fotografen wie:
-Henri Cartier-Bresson
-Robert Capa
-Elliott Erwitt
arbeiteten mit Leica oder Contax. Die Vorteile waren entscheidend:
-Kein Spiegel – leise Auslösung
-Keine Sucherabdunklung
-Kompakte Bauweise
-Großes Sichtfeld außerhalb des Bildrahmens (wichtig für den „entscheidenden Moment“)
1954 erschien die Leica M3, bis heute eine der legendärsten Messsucherkameras. Das M-System prägt Leica bis heute.
Der Niedergang: Spiegelreflexkameras übernehmen (1960–1980)
Mit der Weiterentwicklung der Spiegelreflexkameras (SLR) änderte sich der Markt:
Vorteile der SLR:
-Exakte Bildkontrolle durch das Objektiv (TTL – Through The Lens)
-Einfaches Arbeiten mit Tele- und Makroobjektiven
-Präzisere Belichtungsmessung
Für viele Anwendungsbereiche waren Messsucher nun im Nachteil. Die meisten Hersteller stellten ihre Produktion ein.
Nur Leica blieb dem System treu und entwickelte es kontinuierlich weiter.
Die Nische und das Comeback (1980–2010)
Während Messsucherkameras lange als Spezialwerkzeug galten, entdeckten Fotografen ihre besonderen Eigenschaften wieder:
-Unauffälligkeit in der Streetfotografie
-Manuelle Kontrolle und bewusstes Arbeiten
-Hervorragende Objektivqualität
Mit der Leica M6 (1984) und später digitalen Modellen wie der Leica M8 (2006) begann das digitale Zeitalter der Messsucher.
Messsucher heute: Tradition trifft Digitaltechnik
Heute sind Messsucherkameras vor allem im Premiumsegment zu finden. Digitale Modelle wie die Leica M11 kombinieren:
-Klassisches Messsucherprinzip
-Hochauflösende Sensoren
-Moderne Elektronik
Zudem hat das Konzept indirekt Einfluss auf moderne Kameras:
-spiegellose Systemkameras
-elektronische Sucher mit Rahmenlinien
-kompakte Bauformen für Reportage und Street
Warum Messsucher bis heute faszinieren
Messsucherkameras bieten eine andere Art zu fotografieren:
-Fokus auf Timing statt Serienbilder
-Blick über den Bildrand hinaus
-Leises und diskretes Arbeiten
-Bewusster, entschleunigter Workflow
Für viele Fotografen ist das weniger Technik – und mehr Fotografie.
Fazit
Die Geschichte der Messsucherkameras ist eng mit der Entwicklung der modernen Fotografie verbunden. Von den ersten Entfernungsmessern über die legendären Leica-Modelle bis hin zu heutigen digitalen Varianten haben sie Generationen von Fotografen geprägt.
Auch wenn sie heute nicht mehr den Massenmarkt dominieren, bleiben Messsucherkameras ein Symbol für Präzision, Handwerkskunst und die Kunst, den richtigen Moment einzufangen.









